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Am 26. Mai geht es von Frankfurt mit zwei Zwischenlandungen
nach Marsh Harbour. Nach weiteren 15 Minuten Taxifahrt erreichen
wir die Marina. Das Boot wartet im Gegensatz zu mir geduldig auf
uns. An Bord ist alles in Ordnung als wären wir gar nicht weg ge-
wesen. Im Hafen ist, wie jeden Samstag, Party bis spät in die Nacht.
Uns ist es aber nicht danach, wir sind fix und fertig von der langen
Anreise. Gegen Mitternacht werden wir unfreiwillig durch ein lautes,
jedoch wunderschönes Feuerwerk geweckt. Am nächsten Tag geht
es mit unserem Dinghy - und dann zu Fuß - zum nahegelegenen
Lebensmittelladen "MAXWELL", wo wir mit 136 USD für die
nächsten Tage einkaufen. Nach dem Mittagessen, das wir uns selber
zubereitet haben, laufen wir bei 4 Bft. Ostwind Richtung Manjack
Cay aus. Das Wetter ist traumhaft, es ist 28°C warm, was will man
mehr? Eine Stunde vor Sonnenuntergang, nach 26 sm fällt der
Anker auf 12 ft Wassertiefe. Wir machen unser Beiboot klar und
fahren auf eine Erkundungstour ans Land. In Ufernähe entdeckt
Marco einen kleinen Hai , wir ändern unsern Kurs und steuern
direkt auf ihn zu. Doch wir haben, trotz starken Außenborder, keine
Chance, er hängt uns ab und verschwindet im flachen Wasser. Wir
bleiben an Land bis Sonnenuntergang, dann kehren wir zurück zu
unserem Boot. Um 6:00 Uhr früh starte ich die Maschine, fahre das
Radar hoch und lichte den Anker. In der Dunkelheit laufen wir aus,
nach kurzer Zeit kommt auch Anna hoch, um den Sonnenaufgang
mit mir zusammen zu genießen. Das heutige Frühstück fällt ameri-
kanisch aus, es gibt Bratei mit Bacon, Kaffee und Kekse. Während
Autopilot Steuermann spielt und Radar den Ausguck hält, genießen
wir die Aussichten und faulenzen auf dem Deck. Die türkisfarbene
Ankerbucht bei Sales Cay erreichen wir bereits um halb vier. Der
Anker fällt nach 56 sm Fahrt auf 3 Meter Wassertiefe. Nun haben wir
viel Zeit für den Landgang. Anna und Marco mögen eher gemütlich
segeln, daher habe ich die Nordroute nach West End gewählt.
Aufgrund zahlreicher Riffe und Untiefen ist diese Strecke zwar navi-
gatorisch aufwendiger und komplizierter als die Südroute, dafür hat
man hier so gut wie keine Dünung und man ist auch vom Wetter
weniger abhängig. Unzählige Ankerplätze machen die Tagesetappen
besonders flexibel. Der Wecker klingelt vorsichtig um drei Uhr früh.
Am liebsten würde ich ihn aus der Luke schmeißen, doch er kann
ja nichts dafür. Nach zwanzig Minuten pflügt das Boot bereits die
nächtliche See. Der Himmel ist wolkenlos, zahlreiche Sterne und
Vollmond geben so viel Licht, daß das Radar fast überflüssig ist.
Wir laufen mit Absicht so früh aus, um den schwierigen Indian Cay
Channel bei Sonnenhöchststand zu passieren. Bis auf 50 cm an die
Wasseroberfläche reichen die zahlreiche Korallenriffe. Terrestrische
Navigationshilfen, die in der Karte eingezeichnet sind, gibt es leider
nicht mehr, so das wir auf Augapfelnavigation angewiesen sind.
Dies fällt trotz Sonnenhöchststand und kristallklarem Wasser nicht
leicht, mann kann die Wassertiefe sehr schlecht einschätzen. Wir
haben zum Teil nur 40 cm Wasser unter dem Kiel. Die Geschwin-
digkeit wird auf das Steuerminimum reduziert. Endlich haben wir es
geschafft. Die Wassertiefe steigt schnell auf 20 Meter. Vor der Hafen-
einfahrt korrigiere ich den GPS-Karten Offset in N/S-Ausrichtung
um -162 ft ! Eine Übernachtung in der West End Marina kostet 96
USD. Ganz schön teuer, denken wir am Anfang. Später erfahren wir
daß man hier die komplette Resort- Anlage kostenlos benutzen darf.
Es beinhaltet: Fahrrad und Katamaranverleih, wunderschöner
Swimmingpool, Fitneßanlage und vieles mehr. Die rasante Fahrt
mit dem Katamaran bei 4 Bf. Wind und glatter See hat uns viel Spaß
bereitet. Nach dem Essen genießen wir die Swimmingpool Anlage.
Anschließend haben wir das Boot für die bevorstehende Überfahrt
nach USA klar gemacht. Ausklarieren ging schnell und ohne
Probleme. Wir legen wieder früh ab um rechtzeitig in West Palm
Beach anzukommen. Kurz nach sieben Uhr beißt eine ca. 1 Meter
große Goldmakrelle an, doch als ich diese an Deck holen will, biegt
sich vom schweren Gewicht der Makrele der Köder- Hacken auf und
unser Mittagessen entwischt uns. Echt schade, die schmecken so
gut! Mir lief schon das Wasser im Mund zusammen. Die Wellen sind
für 4 Bft Wind ziemlich hoch und das Boot rollt von einer Seite auf
die andere. Fliegende Fische begleiten uns die ganze Zeit. Dreizehn
Seemeilen vor der Florida-Küste sehen wir einen drei Meter großen
Hai ganz nah am Boot. Um 14:30 Uhr legen wir in Rivera Beach
Marina an (St.M 1019), 35 USD kostet hier die Übernachtung. Vor
dem Einklarieren muß man sich telefonisch, bei den Customs (Zoll),
anmelden und alle Daten durchgeben. Anschließend bekommt man
eine Referenznummer, diese Nummer wird später verlangt. Kurz
nach der Einklarierung legt an unserer Backbordseite ein Schnell-
boot der "US- Coast Guard" an. Die mit Maschinengewehren be-
waffnete Männer erklären uns freundlich und sachlich, daß es sich
um eine Routineüberprüfung handelt. Nach vier Minuten sind sie
fertig und wünschen uns einen angenehmen Aufenthalt in den USA.
Wir bestellen uns einen Taxi und fahren in die Innenstadt von West
Palm Beach. Nach Einbruch der Dunkelheit sieht es hier besonders
schön aus. Zahlreiche Lichterketten schmücken die Palmen, die
kitschig eingerichteten Läden und Lokale laden zum Einkaufen und
Essen ein. Auch wir konnten den Versuchungen nicht widerstehen...
Mit vollem Bauch und total erschöpft fahren wir zurück zum Boot.
Am nächsten Tag geht es, nach der Verproviantierung, entlang der
ICW (Intra Coastal Waterway) weiter nach Norden. Noch nie in
meinem Leben habe ich so viele schöne Villen wie hier gesehen.
Die Grundstücke sind riesig und sehr schön angelegt, alles ist top-
gepflegt. Die Bewohner scheinen aber ausgestorben zu sein, denn
wir sehen stundenlang keine Menschen. Das Wasser im Gegensatz
ist voller Leben. Seekühe (Manate), Delphine, Pelikane und viele
Fische sind unsere ständige Begleiter. Nach 3 Tagen gemütlicher
Fahrt haben wir 219 Statusmeilen von West Palm Beach zurück-
gelegt und laufen gegen 19:00 Uhr in die Palm Coast Marina
(St.M 800) ein. Hier wollen wir für einpaar Tage ein Auto mieten und
in die Universal Studios nach Orlando fahren. Von Titusville (Cape
Canaveral) währe es natürlich viel näher nach Orlando, doch wir
wollen das schöne Wetter ausnutzen und so schnell wie möglich
nach Jacksonville kommen. Denn bereits in vier Tagen fliegt Anna
und Marco von dort nach Hause.Der Besuch beider Universal
Studios ist zwar sehr teuer, lohnt sich aber auf jeden Fall. Es ist ein
unvergeßlicher Erlebnis für Jung und Alt. Marco, als Dinosaurier-
Fan ist total begeistert vom "Jurassic Park". Das haben die echt
klasse ausgedacht, man wird so richtig in die Jurazeit versetzt.
Ich glaube keiner von uns würde, in einer freier Natur, einem
Tyrannosaurus Rex begegnen wollen. Dank Express Pass brauchen
wir nicht einmal in der Warteschlange stehen und kommen so
innerhalb wenigen Minuten - manchmal auch sofort - in alle
Attraktionen rein. Am Anfang hat man einen schlechten Gewissen,
alle Andere stehen in der Schlange und wir haben einen separaten
Eingang der uns direkt nach vorne bringt. So ist aber der Mensch,
mann gewöhnt sich an alles. Bilanz unseren zweitägigen Land-
aufentalts: Mietauto 99USD, 2 Tage Universal Parks mit Express
Pässe 500USD, Liegeplatzgebühren 90USD ...Was lernen wir daraus?
Die Landgänge strapazieren die Bordkasse am meisten. Für
gleiches Geld kann man locker drei Wochen lang auf dem Schiff
leben, die einsame Buchten sind mir persönlich sowieso lieber als
die überfüllten Marinas. Am sechsten Juni machen wir das Boot klar,
tanken es voll und legen um 11:55 Uhr ab. An der "Lions Bridge"
müssen wir, wegen Brückenreparaturarbeiten, einen Zwangsstop
von drei Stunden einlegen. Das nutzen wir aus, machen uns gemüt-
lich auf dem Deck und grillen einen leckeren Spießbraten zum
Mittagessen. Unser nächsten Ankerplatz (St. M 765) erreichen wir
Dank Radar bei völliger Dunkelheit um 21:20 Uhr. Vorsichtig manöv-
riere ich das Boot im flachen Wasser in die Bucht. Anker fällt auf
zweieinhalb Meter Wassertiefe. Am nächsten Tag ist Fischen
angesagt. Nach fünf Minuten habe ich den ersten kleinen Wels
gefangen, dann den zweiten. Voller Begeisterung will Marco auch
sein Glück versuchen. Wenige Minuten später geht ihm ein kleiner
Hammerhai an den Hacken. Vorsichtig löse ich den Hai vom
Hacken und lasse ihn wieder frei. Ich hoffe sehr er läßt mich auch
laufen wenn wir uns mal begegnen sollen. Gegen Mittag nimmt
"Fascination II" wieder Kurs Nord. Bereits nach fünf Stunden
erreichen wir die "Seafarers Marina" in Jacksonville. Hier ist die
Endstation für Anna und Marco. Am nächsten Tag, Freitag den
achten Juni, packen wir gemütlich und in aller Ruhe die Koffer.
Blick auf die Flugtickets, auf die Uhr - noch eine Stunde bis
Check In - bis zum Flughafen ca. 40 Minuten Fahrt. Also dann
sollten wir mal langsam losfahren, da trifft mich der Gedanke wie
ein Blitz vom Himmel. Ohhh nein !!! Ich habe vergessen das ich
eine Email mit Flugänderung erhalten habe. Der Flug wurde um
zwei Stunden vorverlegt. Das heißt Check In läuft bereits seid einer
Stunde und wir haben nicht ein mal einen Taxi! Bei uns bricht die
Panik aus, an die Folgen will ich erst gar nicht denken. Anna
schlägt vor: Komm Viktor, wir beten zusammen damit wir es
schaffen. Zu meiner Schande, als Christ, sage ich: Anja, vergiß es
das schaffen wir nie im Leben. Der Flieger startet in einer Stunde
und wir haben nicht ein mal ein Auto! Es lohnt sich nicht mehr
hinzufahren. Wir haben den Flug verpaßt! Während Anna betet,
renne ich mit Koffern aus dem Boot raus und frage eine Männer-
gruppe vor dem Hafen ob uns jemand zum Flughafen fahren kann
und zwar jetzt gleich. Zum Glück erklärt sich einer bereit. Während
der Fahrt geht mir einiges durch den Kopf: So wie es aussieht
haben wir den Flug verpaßt. Wieviel werden wohl die neue Flug-
tickets kosten? Wann wird der nächster Flug frei? Morgen? Über-
morgen? Nächste Woche? Was mache ich solange? Mein Flieger
geht in zehn Tagen und ich habe noch 600 sm vor mir. Im Flughafen
angekommen, rasen wir mit unserem Gepäck zum Schalter, total
aufgedreht versuche ich die Situation zu erklären. Die Frau lacht
mich an und sagt: "Junge, euer Flieger hat zwei Stunden Verspä-
tung. Check In fängt in wenigen Minuten an". Voller Freude schaue
ich Anna an, ohne Worte war uns alles klar. Dem Gott ist nichts
unmöglich! Vom Flughafen angekommen mache ich das Boot klar
und laufe noch am selben Abend in den Ozean aus. Nachts gibt es
so gut wie kein Schiffsverkehr so das ich fast die ganze Nacht in 60
Minuten- Häppchen schlafen kann. Das Boot fährt alleine unter Auto-
pilot, Radar hält Ausguck und meldet sich rechtzeitig sobald ein
Schiff in die Nähe kommt. Sollte die Elektronik aus irgend welchem
Grund doch versagen, so weckt mich spätestens nach 60 Minuten
mein Count Down Timer. Ich fahre zum ersten Mal alleine und
ohne Zwischenstops mehrere Tage lang. Dieselbe Strecke, nur nach
Süden, sind wir schon mal in Dezember zu viert mit mehreren
Wachen pro Tag auf die Bahamas gefahren. Um ehrlich zu sein habe
ich mir am Anfang schon ein wenig Sorgen gemacht wie es so sein
wird, alleine auf dem Boot. Nicht wegen Handhabung, sondern
wegen dem Schlaf. Mit zuverlässiger Elektronik und gutem Wetter
ist es aber absolut kein Problem, fast ohne Sicherheitseinbußen.
Es muß aber jedem Bewußt sein, das beim Seegang, knapp über
der Wasserfläche schwimmende Gegenstände auch mit bestem
Radar nicht detektiert werden können. Langsam aber sicher ver-
misse ich Anna und Marco. Meine ständige Begleiter, die Delphine,
lächeln zwar immer freundlich und führen mir verschiedene Kunst-
stücken vor, ich kann sie aber nicht verstehen und selbst wenn,
dann hätte ich das Problem ihnen zu Antworten, denn ich komme
mit meiner Stimmlage nicht so hoch. Die Wetterprognose für die
nächsten Tage ist nicht so gut, daher entschließe ich mich Inlands
zu fahren. Ab Beaufort (St. M205) geht es entlang der ICW nach
Norfolk. Die Entscheidung Cape Hatteras zu umgehen war richtig!
Denn frischer NE-Wind hat auf 4-5 Bft. zugelegt. In diesem Gebiet
kommt es beim starken Wind mit nördlichen Komponenten, der
auf die relativ schnelle Nordströmung kommt zu einem unangeneh-
men Seegang. Selbst die Fahrt durch die einigermaßen geschützte
Bay River Passage ist ziemlich ruppig. In Norfolk bunkere ich zum
letzten mal Sprit und wechsle den Dieselfilter, bevor ich bei diesem
Wetter in die Chesapeake Bay einlaufe. Heute am Samstag den 16
Juni um 17:10 Uhr erreiche ich, nach insgesamt 1095 Seemeilen, die
Endstation, Jennings Boatyard in Reedville. Morgen wird das Boot
rausgekrant und für Winterschlaf vorbereitet. Am nächsten Tag geht
es mit zwei Zwischenlandungen nach Hause.
Bis bald Fascination !
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